Braunschweiger Zeitung – Do – 02.07.2026 – Henning Thobaben
Kunstrasen aus dem LKW, Wolters-Bier aus dem Kühlschrank, Eddie the Eagle als Werbeträger: Der Polizei SV feiert seine irrste Fußballpartie.
Braunschweig. Die Saisonabschlussfahrt bedeutet für viele Fußballmannschaften: ab in den Süden und Party machen auf einer bekannten Mittelmeerinsel. Die Fußballer des Polizei SV Braunschweig ticken da anders. Nicht dass sie dem Feiern abgeneigt wären – aber sie haben sich eine außergewöhnliche Tradition zugelegt: Jedes Jahr erwecken sie einen „Lost Ground“, also einen Platz, auf dem das runde Leder schon seit langem nicht mehr rollt, zum Leben. Die Groundhopper kickten bereits auf einer alten Radrennbahn in Bielefeld, auf einem Sportplatz auf Helgoland oder zuletzt in zwei verlassenen Stadien in England. Jede einzelne Fahrt war ein besonderes Erlebnis. Jene am vergangenen Wochenende aber eine ganz besondere.
Das Olympiastadion in Garmisch-Partenkirchen (siehe Infobox) ist überwiegend Skisport-Fans ein Begriff. Fußball? Wurde dort auch schon mal gespielt. Aber das ist mehr als fünf Jahrzehnte her. Und genau das machte die Location für die PSV-Mannschaft so reizvoll. Weil die Rasenfläche am Fuße der Schanze nicht primär für die Austragung von Fußballpartien gemacht ist, brachen die Abenteurer mit ihrem jüngsten Projekt gleich mehrere Rekorde: Noch nie machte eine Fußballreise den Spielern so viel Arbeit. Noch nie vergossen sie bei der Vorbereitung so viel Schweiß. Und noch spielten sie vor so großer Kulisse.
Gut 2700 Besucher pilgerten bei hochsommerlichen 36 Grad in die Arena, manche kamen sogar aus Österreich, der Schweiz oder aus Tschechien. Doch als die Stadiontore öffneten, hatte das Orga-Team des Polizei SV schon einiges geleistet. Angefangen mit der Planung über Wochen im Voraus. Vor allem behördliche Angelegenheiten galt es zu regeln. „Es gibt am Stadion zwar Parkplätze, aber die werden von Wanderern schon frühmorgens belegt. Wir mussten also eigens welche für uns anmieten“, berichtet Organisator Nils Burgdorf von einer Auflage.
Die 3000 Euro waren aber letztlich sinnlos eingesetztes Geld. Denn die Stellplätze rund um die Uhr zu überwachen, überforderte die Braunschweiger angesichts der vielen anderen Aufgaben.
Die größte zu stemmende Herausforderung: Die Rasenfläche am Fuße der Schanze entspricht nicht den Maßen eines Fußballfelds. Bedeutet: Die PSV-Verantwortlichen mussten die Spielfläche verlängern. „Unser Plan war, dass ein Unternehmen eine 15 mal 50 Meter große Kunstrasenbahn dorthin bringt, sie auslegt und nach der Veranstaltung wieder mitnimmt“, erklärt Burgdorf. Doch angesichts veranschlagter Kosten von 15.000 Euro verzichtete die Gruppe auf den Service. Stattdessen fand sie durch einen Podcastaufruf Förderer – darunter eine Spedition und ein Unternehmen, das Kunstrasen vermietet. So sanken die Kosten deutlich.
Allerdings: Nach der Ankunft mit der Bahn am Freitag um 17 Uhr musste die Reisegruppe aus Braunschweig selbst mächtig ranklotzen. Es galt, die Kunstrasenbahnen zu verlegen, danach musste das Feld markiert werden. Erst gegen Mitternacht genossen die Sportler ihr Feierabendbier. Wegen der extremen Hitze mussten zuvor noch Rasensprenger besorgt werden. Und auch am Spieltag hatten die Fußballer noch einige Stunden Vorbereitungszeit in Kauf zu nehmen, bevor das Publikum um 14 Uhr hinein durfte. Weil die PSVer möglichst vieles erhalten wollen, was dem modernen Fußball verloren gegangen ist, werden die Partien stets um 15.30 Uhr angepfiffen. Auch ein Programmheft wird regelmäßig angeboten. Und ein Stück heimische Trinkkultur musste auch diesmal wieder importiert werden: Rund 1200 Dosen Wolters-Bier ließen die Organisatoren nach Bayern bringen. „Wir haben dafür sogar noch über Kleinanzeigen gebrauchte Kühlschränke angekauft und Eiskübel aus dem Baumarkt besorgt“, berichtet Burgdorf.
Das Olympiastadion Garmisch-Partenkirchen:
Am Fuße des Gudibergs entstand bereits um 1900 ein erster Wintersportplatz. Das heutige Olympiastadion samt der „Großen Olympia-Schanze“ – damals noch eine reine Holzkonstruktion – kam 1936 für die IV. Olympischen Winterspiele hinzu. Um die Winterspiele organisatorisch zu erleichtern, hatte das NS-Regime gegen den Widerstand beider Gemeinden die Vereinigung von Garmisch und Partenkirchen zum 1. Januar 1935 erzwungen.
Zur Eröffnungsfeier kamen rund 20.000 Menschen. Der „Spezialsprunglauf“ – so hieß das Skispringen damals – zog am letzten Wettkampftag sogar rund 130.000 Zuschauende an. Nach 1945 ersetzte eine Stahlschanze die alte Holzkonstruktion. Eingeweiht wurde sie am 1. Januar 1951. Gefördert hatte den Neubau Hans Lerch, der zeitweise in Garmisch-Partenkirchen lebte und alleiniger Aktionär der Braunschweiger MIAG Mühlenbau und Industrie AG war. Das Unternehmen produzierte im Zweiten Weltkrieg Rüstungsgüter für das NS-Regime und beschäftigte Zwangsarbeiter.
