Auch schon etwas länger auf der Liste: die Philharmonie Berlin, ein Scharoun-Bau. Mit der grandiosen 7. Sinfonie von Schostakowitsch ergibt sich nun endlich die Gelegenheit. Mit Bine, der Ma und Ingrid geht es nach Berlin. Es wird ein faszinierender, ein bewegender Abend.
Tags zuvor sind Bine und ich bei Keimzeit im Westand in Braunschweig und ich frage mich, warum ich Keimzeit so lange nicht live gesehen habe. Ein ganz starkes Konzert, was unfassbar viel Spaß gemacht hat.
Die Philharmonie ist ein Scharoun-Bau vom Feinsten, die 7. Sinfonie von Schostakowitsch ist eine der stärksten Sinfonien, die ich kenne, vielleicht die stärkste. Ein Monument, ein Meisterwerk, ein Klassikstück mit einer fast körperlich spürbaren Wucht.
Die Ausschreibung für einen Neubau der Berliner Philharmonie fand 1956 durch das Land Berlin statt, 14 Architekten wurden zur Teilnahme aufgefordert. Ursprünglicher Standort sollte zunächst ein Grundstück an der Bundesallee sein, das an das Joachimsthalsche Gymnasium grenzte.
Im Januar 1957 wurde der Entwurf von Hans Scharoun mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Allerdings fiel die Entscheidung nach 16-stündiger Beratung mit neun gegen vier Stimmen – und damit fehlte die erforderliche Drei-Viertel-Mehrheit. Damit drohte sich für Scharoun ein Trauma zu wiederholen, das er beim Neubau des Staatstheaters Kassel erlebt hatte: Er hatte dort zwar den ersten Preis erhalten, sein Plan wurde jedoch (nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Baugrund) nicht umgesetzt, stattdessen wurden andere Architekten mit der Fertigstellung beauftragt. Erst nach Interventionen des Chefdirigenten Herbert von Karajan und einem Appell des Jurymitglieds Hans Heinz Stuckenschmidt in der Welt wurde Scharoun verbindlich mit der Ausarbeitung beauftragt. […]
Die neue Philharmonie entstand schließlich nach Entwürfen von Hans Scharoun als erster Bau des in der Nachkriegszeit geplanten Kulturforums. Sie wurde in einer Bauzeit von 37 Monaten erbaut (Grundsteinlegung: 15. September 1960, Richtfest: 1. Dezember 1961, Eröffnung: 15. Oktober 1963). Die Baukosten betrugen ca. 17 Millionen DM (kaufkraftbereinigt heute rund 45 Millionen Euro. […]
Scharoun hatte eine Fassadenverkleidung geplant, jedoch wurde diese aus Kostengründen zunächst nicht umgesetzt, stattdessen erhielt die Betonfassade lediglich einen provisorischen ockerfarbenen Anstrich.[…] Nachdem nur wenige Jahre später Feuchtigkeitsschäden an der Umschalung der Philharmonie entstanden waren, wurde das Thema der Verkleidung wieder aufgegriffen.
Erst in den Jahren 1979–1981, nach der Fertigstellung der gegenüberliegenden Staatsbibliothek, ließ der Senat von Berlin eloxierte Aluminiumplatten mit goldfarbener Oberfläche nachträglich anbringen. […]
Der Saal der Philharmonie bietet 2250 Sitzplätze.
Der Aufbau des Saals ist asymmetrisch und zeltartig und basiert im Grundriss auf dem Prinzip dreier ineinander versetzter Fünfecke, die bis heute als Logo der Berliner Philharmoniker fungieren. […]
Die Sitze bieten durch die ringsum unregelmäßig ansteigenden Logenterrassen von allen Seiten gute Sicht auf die fast mittig platzierte Bühne. Durch diese besondere Anordnung wird die Trennung zwischen Künstler und Publikum weitgehend verringert; von den entsprechenden Plätzen können die Zuschauer beispielsweise dem Dirigenten bei der Vorführung ins Gesicht schauen, wodurch die hinsichtlich ihrer akustischen Ausgewogenheit weniger vorteilhaften Plätze beispielsweise direkt hinter dem Schlagwerk (Block H) eigene Qualitäten bekommen. Viele Künstler schätzen es, bei einem Auftritt in der Philharmonie inmitten der Zuhörer zu sitzen; diese wiederum können die Akteure je nach Sitzplatz von allen Seiten beobachten. Es gab jedoch auch schon Dirigenten und Musiker, die nicht derart im Mittelpunkt stehen wollten und ihren Auftritt hier absagten (z. B. Hans Knappertsbusch) oder in öffentlichen Kommentaren leidenschaftliche Ablehnung demonstrierten (Otto Klemperer oder Paul Hindemith).
Scharoun selbst bezeichnete die Anordnung der Besucherblöcke als „aufsteigende Weinberge“. Die Terrassenstaffelung bricht die sonst übliche zusammenhängende Struktur des Publikums auf: Die Blocks gruppieren jeweils ca. 75–100 Plätze zusammen und sind so gleichzeitig „intim“ auf der sozialen Dimension, und trotzdem akustisch und physisch zusammenhängend. Steigung und Anordnung sind jeweils so gestaltet, dass die Zuschauer sich gegenseitig möglichst wenig im Sichtfeld zur Bühne behindern.
Der Bruch mit der traditionellen Konzertsaal-Aufteilung durch die fast mittige Positionierung des Orchesters wird von Kritikern seit jeher auch als eine Neudefinition des sozialen Konstrukts der Konzertaufführung interpretiert. […]
Durch die terrassenartige Staffelung der Zuschauerränge im Konzertsaal wird das Foyer von Treppenaufgängen dominiert, die ein „labyrinthisches Astwerk“ bilden. Durch diese beiden Umstände wird die intuitive Orientierung irritiert und es fällt Besuchern bisweilen schwer, zu ihren Plätzen die richtigen Zugänge (von denen es insgesamt 27 Stück gibt) zu finden. Quelle
Und auch Abends ist die Philharmonie ein faszinierendes Monument.













Mensch Holger!
Danke für deinen Lehrreichen Beitrag !
Gelesen mit der 7. Symphonie im Hintergrund laufend
Herrliche Komposition.
Am schönsten finde ich das Zitat mit der Beschreibung, dass die Sitzränge wie Weinreben sich nach oben aufbauen.
Herrlich!
Beste Grüße