GEORGIEN – März : 2015

Kasbek_IIIMal wieder ein attraktives Ziel im Osten und ein Land, in dem man noch nicht war. So ist unsere Reaktion auf den Qualigegner Georgien.

Die grundsätzlichen Vorstellungen kristallisieren sich alsbald heraus und so reift der Plan, sich vor Ort eine Wohnung zu nehmen, in der wir zwischenzeitlich bis zu sechs Leute unterbringen. Stamm sind Basti, Lanki, Henning und ich. Die Wohnung gibt’s her, bisschen mehr Bad hätte gern sein dürfen. Bemerkenswert windschief sind nahezu alle Wände der Wohnung, ein Bild hier gerade aufzuhängen nahezu unmöglich. Dass sie das mit der gesamten Altstadt von Tbilisi gemeinsam hat, sehen wir erst am nächsten Tag. Da wir mitten in der Nacht ankommen und die Beleuchtung jetzt auch nicht die beste ist (inklusive des Treppenhauses), sehen wir zunächst einfach nur verwinkelte Gassen in unübersichtlicher man könnte auch sagen wilder Anordnung.

Diese windschiefen Häuser sind zum Teil sicherlich auf die Holzbauweise zurückzuführen, viel mehr aber dem Erdbeben von 2002 geschuldet, welches über 10.000 Gebäude insbesondere in der Altstadt beschädigte oder zerstörte. Und da großflächig das Geld fehlt, die Häuser wieder in den Ursprungszustand zu versetzen, regiert mindestens in der Altstadt das gepflegte Chaos. Anhänger von über Jahrzehnte gewachsenen Gassen, Wänden oder Treppenstufen kommen in der Altstadt von Tbilisi voll auf ihre Kosten und Baufälligkeit ist ja ohnehin immer eine Frage der Betrachtungsweise. Dennoch gelingt eine Orientierung recht schnell und recht schnell finden wir auch den Laden unseres Vertrauens, der auf kleinstem Raum alles bereithält, was das Herz begehrt und das auch noch rund um die Uhr.

Ein Gang durch die Stadt zeigt ein Tbilisi zwischen Alt und Neu, Tradition und Aufbruch. Die Brücke über den Mtkwari und die nahegelegene Konzerthalle sind neueren Datums, auch das Regierungsgebäude, das seine Pracht erst richtig von Mutter Georgien aus gesehen entfaltet, genauso wie die mächtige Sameba-Kathedrale. Gerade am Rande oder in der Altstadt dann aber auch riesige Baulücken, die fröhlich zu Müllhalden umfunktioniert werden. Und – natürlich – es ist auch nicht jeder Weg gepflastert, sondern auch mal gern sich selbst überlassen wie es scheint, aber genau das ist ja auch der Reiz an diesen Ländern und Regionen. Es ist sichtbar anders, dazu tragen auch die vielen vielen Holzbalkone bei.

Später geht es die Rustaveli entlang mit einem ehemaligen Kaufhaus aus feinster Platte, das nun vor sich hingammelt. Zur Wiederinstandsetzung fehlt das Geld, zum Abriss aber auch. Ein paar eher monumentalere Gebäude säumen den weiteren Weg. Am Ende landen wir in einem unspektakulären, aber umso kultigeren kleinen Biergarten. Und lernen unsere Begleitung für den nächsten Tag kennen.

Schon bei der Vorbereitung auf Georgien war klar, dass wir nach Möglichkeit viel von der Landschaft hier mitnehmen wollen. Und so finden wir uns am nächsten Morgen in unserem Tourbus wieder, der uns zum Kasbek bringen soll. Seit gestern Abend ist die Gruppe um die Fraktion Rheinland angewachsen und auch SchAppi, der sich woanders einquartiert hat, ist mit dabei.

Auf geht’s zur Festung Ananuri, die kleine Festung mit den zwei Kirchen. Erste kurze Rast und erste Geschichten, die unser Guide zum Besten gibt. Witziger Typ, unser David, erzählt immer wieder lustige und informative Dinge über georgische Kolonien in H***, georgische Messearbeiter, Bushaltestellentouristen, Rumsteher oder den nicht vorhandenen TÜV. Dass es den nicht gibt oder mindestens anders auf die Autos schaut als das deutsche Pendant haben wir uns schon irgendwie gedacht. Davon zeugen gar nicht so sehr die Fahrzeugmodelle mit ihrem oft biblischen Alter als vielmehr der Zustand. Und doch werden sie munter gefahren, oft genug auch als Taxi, was eigentlich unvorstellbar ist. Aber hier ist erstens vieles anders und zweitens kommt hier wieder der TÜV ins Spiel. Gäbe es ihn, verschwänden auf einen Schlag wohl die Hälfte der Autos, damit wohl auch die Hälfte der Taxis und damit für viele die einzige wenn auch bescheidene Einnahmequelle. Noch mehr Arbeitslose, noch mehr Rumsteher. Die Probleme eines kleinen Landes, welchem die Industrie nahezu komplett weggebrochen ist und welches gleichzeitig Unabhängigkeit und Wechsel des Gesellschaftssystem bewältigen musste und ja irgendwie immer noch muss.

Zurück zur Tour auf der Georgischen Heerstraße, die noch immer einer der zentralen Handelswege durch den Kaukasus ist. Je weiter wir aus dem Raum Tbilisi herausfahren, desto spannender und aberwitziger wird die Tour. Wir machen gut Höhenmeter und dementsprechend kurviger wird die Piste. Und schneereicher. Wir sind nun ganz gut drin im Kaukasus, kommen zum Skizentrum Gudauri, Höhe 2195 Meter, da liegt im März noch gut Schnee.

Davon können wir uns an dem Monumentalmosaik unweit des Kreuzpasses (2395 Meter) überzeugen. Es sollte mal als sowjetisches Geschenk das brüderliche Verhältnis zwischen Russen und Georgiern symbolisieren. Es ist von bemerkenswerter Hässlichkeit, zeugt in Gestaltung und Aussage allerdings von sozialistischem Realismus in Reinkultur. Manche sehen in dem bröckelnden Monument ein Symbol für die erkalteten Beziehungen zwischen Russland und Georgien. Allerdings interessiert uns hier eher der Rundumblick und der ist vom Feinsten. Für mich hat es etwas Berauschendes, in so luftiger Höhe zu stehen und auf noch höhere Bergmassive zu schauen.

Aber auch die Piste hält weitere Überraschungen für uns bereit. Der LKW, der da irgendwann aus der Kurve gefallen ist und halb im Schnee steckt, weil er noch nicht geborgen werden konnte, lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf die Piste. Die wird auf den nächsten Kilometern zum absoluten Star. Mehr und mehr verdichten sich die an den Seiten geparkten LKW-Kolonnen. Sie dürfen erst ab einer bestimmten Uhrzeit den einzigen Weg nach Wladikawkas in Russland nehmen. Ohne das wäre die touristische Nutzung der Heerstraße unmöglich.

Mehr und mehr kommen wir im Terek-Tal auch auf Pisten, denen jährlicher Schnee und Eis in einer Weise zusetzen, dass sie in einem Zustand sind, der mit erbarmungswürdig noch leicht untertrieben ist. Und in den Tunneln kann man sich das Krachen und Knirschen, wenn sich zwei LKWs entgegenkommen sollten, bildlich vorstellen. Und dann links und rechts Bergmassive und immer mal wieder ein Autowrack. In unseren Augen. In Georgien? Vielleicht taugt‘s ja noch, um im Schnee gestrandete LKWs zu bergen? Nicht auszuschließen. Auf jeden Fall kommen wir schon weit vor unserem Zielort voll auf unsere Kosten.

Mittags sind wir in Stepantsminda auf 1700 Metern Höhe, ist jetzt kein so großer Ort, aber eben auch der letzte Ort vor dem Weg hoch zum Kloster und zum Kasbek. Zwei Stunden sagt David und wir überlegen, ob das nicht ein bissel zu ambitioniert ist in der dünnen Höhenluft. Wir starten denn zum Glück aber doch. Zu schaffen ist der Weg, aber zu schnell ist doof wegen der Luft und mit Turnschuhen ist auch doof, weil noch viel Schnee und teilweise Eis. Letztlich kommen wir irgendwie alle da oben an und später auch wieder runter. Vorbei geht’s an einer langsam vor sich hin verfallenden Bergsiedlung und Magermilchkühen in Serpentinen zum Zminda Sameba. Das alte Kloster liegt in 2170 Metern Höhe vor malerischer Kulisse und gegenüber dem Kasbek, und das sieht genauso stark aus. Endlich hat‘s mal gepasst mit einer Tour in den Kaukasus und dann haben wir auch gleich noch Glück, dass der Kasbek in 5047 Metern Höhe sein Haupt nicht in Wolken verhüllt. Besser geht’s nicht.

Angesichts dessen kann ja die Rücktour nur noch Formsache sein. Aber denkste. Nach nur wenigen Kilometern verordnet uns bei Kobi die Polizei einen Stopp. Der LKW-Treck darf sich in Bewegung setzen, und so breit sind die Straßen eben nicht (abgesehen vom Zustand), das heißt erstmal, die LKWs durchlassen. Und so stehen wir mitten im Nichts, neben uns eine Polizeistation, um uns herum Berge und schrottreife Autos. Abgefahren – wie auch der fliegende Start nach Freigabe der Piste.

Ganz kann der Trip nach Kachetien da nicht mithalten. Über das Schuamta Kloster geht’s in die etwas flacher gelegene Weinregion Georgiens, allerdings auch bei trüb-kaltem Wetter. Vom Tschawtschawadse-Museum bleibt vor allem der superengagierte Vortrag der Lady in Erinnerung, wir müssen uns ein ums andere Mal das Lachen verkneifen. Das Weißweinpröbchen kann nicht sonderlich überzeugen. Das kommt dann später, bei einer weiteren Weinprobe mit Essenstafel, bei der die Augerginenröllchen sich als kulinarische Überraschung des Urlaubs herauskristallisieren.

Ein weiteres Kloster, es muss das Bodbe-Kloster sein, weiß zu gefallen, hängengeblieben aber ist mir vor allem ein Hinweis Davids: während die georgisch-orthodoxe Kirche das Leben Christi in den Mittelpunkt stellt, ist es in unseren Kirchen das Leiden Christi. Ich weiß jetzt zwar nicht, was mir als Ungetauftem dieses Wissen jetzt bringt, aber die Erkenntnis hat mich schon beeindruckt. Naja, und dass die heilige Nino, die das Christentum nach Georgien brachte, von hier ist, wollen wir nicht unterschlagen. Sighnaghi fällt letztlich der sehr unangenehmen Kälte zum Opfer, wahrscheinlich hätte es schön sein können, auch wenn ich das Gefühl habe, dass hier nicht mehr so viel authentisch ist sondern alles ein bisschen künstlich. Dennoch hatte auch diese Stadt für uns ein Highlight abseits der geplanten Highlights. Da erwartet man ein altersentsprechendes Innenleben in dem vor uns stehenden Auto, und dann ist es ein umfunktionierter Lieferwagen für Hähnchen. Andere Wertesysteme im Osten. Ich liebe es!

Und dann wäre da ja auch noch das Länderspiel. Zu diesem wird aus unserer 4er-WG eine 6er-WG, Robin und Onkel Tom kommen mitten in der Nacht an. Es werden Biere getrunken und irgendwann geht’s zum Stadion, nicht ohne dem faszinierenden Markt um den Bahnhof herum einen Besuch abzustatten, zwei Tage später vertiefen Henning und ich das noch, einfach riesig ist das Areal. Letzter Halt die Pinte vor dem Stadion, Chacha-Genuss inklusive. Vielleicht war das das Problem, vielleicht der fehlende Schlaf, vielleicht das wenige Essen, wahrscheinlich alles zusammen. Das Ergebnis ist bekannt. Während im Stadion das Qualispiel ist, sind SchAppi und ich auf dem Weg zum Flughafen, Robin im Schlepptau oder an der Schulter, betreutes Reisen der anderen Art. Aber ihn in der Ambulanz abliefern und den Flug verpassen lassen geht ja auch nicht. Natürlich sind Ärgernisse verschiedener Art damit verbunden, aber so ist es nun mal gelaufen, jeder hat seine eigene Erinnerung an diesen Abend, den Gedanken lasse ich jetzt mal freien Lauf.

Als Fazit bleibt: faszinierendes Land mit geilen Erlebnissen, durchaus einen nochmaligen Besuch wert, Chacha nur mit Vorsicht genießen und kulinarisch abwechslungsreicher und überraschender als gedacht. Ein absolut geiler Trip Jungs!

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