MAILAND – Januar : 2020

Oper und Fußball oder vier Tage – vier Kathedralen. Mailänder Dom, Scala, San Siro, Galleria Vittorio Emanuele II. Zum Jahresbeginn Richtung Mittelmeer bissel die Akkus aufladen, Sonne tanken und neue Eindrücke sammeln.

Im Frühjahr stolpere ich über die Meldung, dass das legendäre San Siro 2022/23 einem Neubau weichen wird.

Eine Legende, eine Kathedrale des Fußballs. Wird sich nach 100 Jahren verabschieden. Nach einem gewaltigen Umbau anlässlich der WM 1990. Mailand rückt auf der Liste meiner to-do’s augenblicklich nach ganz oben. Und nun zum Start des Jahres ergibt sich die Gelegenheit.

Aber Mailand hat noch mehr zu bieten. Die Scala, die Kathedrale der Musik. Ich versuche natürlich, beides miteinander zu verbinden. Gar nicht so leicht.

Der Trip geht von Donnerstag bis Montag. Donnerstag nach später Ankunft geht nix mehr, dafür aber Freitag. Als erstes zum Hauptbahnhof, um die sehr nützliche Milanocard für den öffentlichen Verkehr freischalten zu lassen. 19 € das Teil für 72 Stunden, diverse Ermäßigungen und v.a. die Metro frei, es geht schlechter.

Als Nächstes zieht es mich dann zum Dom, dem Stolz der Stadt. Kathedrale Nr. 1 und eines der religiösen Zentren der Stadt. Leider bin ich nicht der einzige, mächtig was los hier, dennoch geht der Plan auf, kein Ticket vorab zu buchen, ich wollte mich zeitlich nicht festlegen. So viele stehen nicht an, es geht recht fix und so bin ich eben auch recht fix im Dom. Grandiose Fenster, mit einer schwer beeindruckenden Farbtiefe und -fülle.

Der Eindruck von der Frontfassade setzt sich also nahtlos fort. Unfassbar reich geschmückt ist sie und ein absoluter Hingucker.

Später auf der Dachterrasse kann ich die Spur dieser Ornamentik aufnehmen. Gotik zum Anfassen quasi, Strebepfeiler, Strebebögen, Fialen (Pinakel) aus nächster Nähe. Das ganze Strebewerk so einer gotischen Kathedrale offen und klar und direkt vor des Besuchers Nase. Großartig tagsüber und erst recht am Abend. So viele derartiger Kathedralen, denen man aufs Dach steigen kann, gibt es ja nicht.

Zu Fuß geht’s hoch, paar Stufen sind’s schon, ich sehe es als Aufgabe des Tages, mir den Ausblick quasi zu erarbeiten. Lohnt sich definitiv – so sehr, dass ich es am darauffolgenden Abend glatt nochmal wiederhole. So wird der Dom heute zum Star des Tages und morgen im Abendlicht auch noch zum Star des zweiten Tages.

Aber noch ist ja nicht mal der erste Tag rum. Die Galleria Vittorio Emanuele II schließt sich an. Sie ist in direkter Nachbarschaft zum Dom. Kathedrale Nr. 2 – Kathedrale des Konsums. Was in der Modewelt Rang und Namen hat ist hier. Und dementsprechend sind unfassbar viele Menschen unterwegs, die sich hier durchschieben und konsumieren wollen. Ich versuche gar nicht erst auseinanderzuhalten, wer Tourist ist und wer Konsument. Irgendwie wahrscheinlich beide beides.

Weiter zum Teatro alla Scala. Eine Legende, ein Mythos. Nur von außen recht unscheinbar. Überraschung I. Und – Überraschung II – das Museum ist kein Hochglanzmuseum. Aber das passt genau so. Hier zählt einzig die Tradition. Zu Recht. Allerdings, so viel Zeit muss sein, auch die Interaktivität kommt nicht zu kurz und es gibt eine sehenswerte AR-Anwendung zur langen Geschichte des Gebäudes.

Das Museum ist eher eine Sammlung von historischen Instrumenten und Gemälden von Künstlern und Komponisten, die irgendwann mal mit Scala zu tun hatten. Und es ist eine nicht vordergründige aber sehr deutliche Verdi-Huldigung. Lange Zeit lebte er ja in Mailand und viele seiner Opern wurden in der Scala uraufgeführt.

Fein ist, dass es die Möglichkeit gibt, einen Blick in das Heiligtum, in den Zuschauerraum, zu werfen. Denn machen wir uns nix vor, vor allem deswegen kaufen sich die Leute doch die Eintrittskarten fürs Museum.

Im Ticketoffice erfahre ich dann, dass Tosca am 5.1. ausverkauft ist. Nun, das ist nicht neu, das weiß ich, hatte ja versucht, Karten zu bekommen. Die preiswerten waren sofort weg, keine Chance. Dann gab es noch 90-€-Karten mit Sichtbehinderung, zu denen ich mich nicht durchringen konnte. Hatte letztens miserable Plätze in Oldenburg, die zusätzlich leider nicht als solche ausgewiesen waren und auf ein neuerliches Experiment, hier für 90 €, kann ich verzichten. Auf Top-Karten für 200 € oder 300 € auch.

Der Tipp des Tages kommt vom Ticketoffice und ist der Verweis auf eine Seitengasse, in der es sich lohne, am 5.1., also am Tosca-Tag so zwischen 9.00 und 10.00 Uhr anzustellen, es gebe immer 140 Karten. Stehplätze wohl und bissel eingeschränkte Sicht, aber auch nur 15 oder 20 €. Arrivederci Cinque Terre, eigentlich für den Sonntag vorgesehen.

Danach noch das Leonardo3 Museum – Il Mondo di Leonardo. Cool, aber vor allem für Kinder. Die haben hier richtig viel zu entdecken. Und die Väter gleich mit. Alles ist voller mechanischer Modelle von da Vinci. Und die sind bestens dokumentiert.

Tag 2

Die zentrale Station ist der Dom, von da aus startet eigentlich jede Tour. So auch am nächsten Tag für mich. Zuerst zum Castello Sforzesco. Finde ich interessant, aber nicht aufregend, allerdings ist der sich anschließende Park bis zum Friedensbogen sehr entspannend.

Next Station Basilica Di Santa Maria Della Grazie, die mit dem Abendmahl von da Vinci. Für mich heut allerdings ohne. Das ist für die näxten 14 Tage ausverkauft. Ich hätte mich im Vorfeld kümmern müssen, dann wäre vielleicht was möglich gewesen. Zu viele, die das Bild sehen wollen bei zu wenig Platz in der Kirche. Ich habe das Abendmal im Heavy Duty, der Metalkneipe in Dresden, gesehen, das finde ich auch ganz schick.

Sant’Eustorgio ist eine eher kleinere Basilika, läuft aber immer mindestens am 6.1. zu Hochform auf, wenn sie Teil einer Prozession der Heiligen drei Könige vom Dom eben hierher ist. Meine kleine Kirchentour rundet Sant’Ambrogio ab. Sie taucht langsam ins Abendlicht ein, sehr schön.

Und noch einmal kommt Leornado da Vinci zu seinem Recht. Ein genialer Erfinder war er und ein Schwerpunkt seines Wirkens war nun mal in Mailand. 17 Jahre lang. Deswegen ist auch immer wieder irgendwas von da Vinci in der Stadt. Erfinder, Naturbeobachter, Zeichner, Maler war er. Betätigte sich zudem als Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph. Ein Universalgenie, technisch seiner Zeit weit voraus.

Ein großer Teil des Technikmuseums beschäftigt sich mit ihm. Museo nazionale della scienza e della tecnologia Leonardo da Vinci, operntaugliche italienische Sprache. Eines der Gebäude wurde quasi um das Arktisexpeditionsschiff Stella Polar herumgeplant und -gebaut, so scheint es. Ein eigenes Museum für ein einziges Schiff sozusagen. Gut, es sind noch andere Sachen im Museum, aber das Schiff überragt alles. Klasse Museum für Technikbegeisterte, leider sind die Gemälde mit den Seeschlachten verschenkt, weil einfach irgendwie und irgendwo aufgehängt, aber nicht beleuchtet oder anderweitig präsentiert. Schade, da sind coole Schinken dabei.

Zum Abschluss des Tages der Star des Tages: der Dom im Abendlicht. 1386 Baubeginn, Schlussweihe 1572, allerdings ist er zu der Zeit noch nicht vollendet. Die Vollendung geht auf Napoleons Befehl zurück, damit er sich im Dom zum König von Italien krönen lassen kann. Hilft ihm aber nicht viel, sein Königreich Italien hat lediglich von 1805-1815 Bestand.

Gotik und Neogotik vereint, der Mailänder Dom macht’s möglich aufgrund seiner langen Bauzeit.

Tag 3

Heute also Anstehen für die Kathedrale Nr. 3, die Kathedrale der Musik. 7.30 Uhr muss ich aufstehen. 9.30 Uhr bin ich da und der 10te in der Reihe. Sieht gut aus für heute Abend. Aber zunächst heißt es warten. Warten bis 13.00 Uhr. Dann soll man auf eine Liste kommen – wenn man denn bei Scala registriert ist.

Die knapp 4 Stunden gehen dann deutlich schneller vorüber, als gedacht. Der Rücken hält’s aus, die Kälte hält sich in Grenzen. Ich komme mit Dagmara ins Gespräch. Wir erzählen einfach die Zeit runter, sehr sehr angenehm. Málaga, Braunschweig, Hamburg, Bytom, Krakau, Essen. So werde ich auf überraschende und unerwartete Weise an meine Zeit im Revier erinnert. War da ja immer in Essen in der Oper. Ein Schwager von ihr ist Diógenes Randes, Opernsänger und gesehen habe ich ihn dann definitiv im Don Giovanni und La Forca del Destino, an beide Inszenierungen habe ich nur beste Erinnerungen.

Danke nochmal Dagmara. Hat Spaß gemacht, eine Freude, Dich kennengelernt zu haben. Das nächste Mal stehen wir dann bei der Met an:-). Oder so.

Später gesellt sich ihr Mann zu uns, irgendwie scheint ihn die Mischung aus kindlicher Vorfreude und Euphorie langsam anzustecken. Obwohl wir lediglich für Stehplatzkarten anstehen! Für Tosca. In der Scala.

Er ist eigentlich kein Opernfreund – Metallica ist seine Richtung, meine ja u.a. ja auch. Und nun Scala. Ich bin gespannt, wie es ihm gefallen wird. Und ich kann es vorweg nehmen – am Ende wird es ihm gefallen haben. Ich sag’s ja: Metal und Oper – immer die ganz großen Dramen.

Um 13.00 Uhr wird es kribbelig und – ja – auch emotional. Obwohl nur eine Liste mit unseren Namen und der Registrierungsnummer erstellt wird, mehr nicht. Nach Reihenfolge beim Anstehen. Und das bedeutet, dass nun nicht mehr viel schief gehen kann. Eigentlich. Das Ziel ist nahe, aber noch nicht erreicht. Das Kribbeln hält an.

17.30 Uhr sollen wir uns an der gleichen Stelle einfinden, dann bekommen wir ein Voucher, so heißt es. Natürlich bereits 17.00 Uhr da, aber nix passiert vor seiner Zeit. Ab 17.30 wird die Liste abgearbeitet und in der Tat hält jeder ein Voucher in der Hand – sofern einer der 140 in der Reihe. Ich bin weiter an Platz 10.

Weiteres Warten, das Procedere zieht sich und ein Voucher ist noch keine Karte. 18.00 Uhr soll es sein. Kribbeln. Spannung. Vorfreude. Euphorie.

Und dann geht alles plötzlich ganz schnell. In Reihe geht es zur Kasse. Das Voucher wird eingesammelt und gegen den Transfer von 15 € gibt es das heißersehnte Ticket. Für Tosca. Für die Scala. Ganz schnell und eigentlich nach nem halben Tag Anstehen und Spannung zu schnell, aber irgendwann muss das Procedere ja auch mal einen Abschluss finden. Es ist 18.05 Uhr. Für Emotionen ist eh noch genug Zeit nachher in der Oper selbst.

Kurz eine Pizza um die Ecke, einen Wein, dann stehe ich vor dem Eingang. Will rein. Im Foyer einen Wein schlürfen oder einen Sekt. Aber wir kommen erst um 19.20 Uhr rein, Vorstellungsbeginn ist um 20.00 Uhr. Wird knapp mit dem Sekt, aber ist dann auch egal, Scala zählt.

Sechs Ränge bieten 2030 Besuchern Platz. Seit 1778 ist die Scala am Platze. Alljährlich beginnt die Saison am 7. Dezember, dem Namenstag des Stadtpatrons von Mailand.

Anders als bei dem kurzen Blick in den Zuschauerraum während des Museumsbesuches ist er heute erleuchtet und füllt sich langsam. Ein unbeschreiblich geiles Gefühl, dafür eine Karte zu haben.

Vorhang auf für Puccini, Tosca und den Star des Abends, die Scala. Ein Rausch vom ersten Takt an. Tosca, Scarpia, Cavaradossi, das Ensemble – alle sind hervorragend aufgelegt, das Orchester super, die Inszenierung bombastisch. Und so rundet das Erlebnis im fünften Rang der Scala einen bisher schon spannenden und schönen Tag perfekt ab. Ein sensationeller Tag mit einem sensationellen emotionalen Abend.

Auf dem Heimweg das perfekte Foto vor der Scala: Tramilano und Scala auf einem Bild, mehr Tradition geht fast nicht. Scala 1778 eröffnet, Tramilano, das erste Verkehrsmittel der Stadt, ist über 100 Jahre alt.

Tag 4

Zeit für die Kathedrale des Fußballs, Kathedrale Nr. 4. San Siro. Der verlinkte Artikel fasst den Mythos bestens zusammen. Eine lebende Legende. Heute ist zusätzlich Zeit für die zweite lebende Legende. Beim Kauf der Karte war noch nicht klar, dass Zlatan ab Januar beim AC spielen wird.

Es ist auch heute noch eine spannende, moderne und gewagte Konstruktion, mir gefällt es sehr. Fast 60.000 sehen das Spiel zwischen dem AC und Sampdoria Genua, der Oberrang bleibt geschlossen, ein Grund für die beiden Mailänder Vereine, nach einer neuen Lösung zu suchen. Zudem ist es den Sponsoren wohl nicht mehr komfortabel genug.

Das Spiel ist von eher unterdurchschnittlichem Niveau, der AC ist aktuell weit vom Glanz früherer Jahre entfernt. Höhepunkt der ersten Halbzeit ist, als sich Zlatan kurz vor der Pause warmmacht. In der zweiten Halbzeit dann der große Moment mit seiner Einwechslung, der Support wird lauter, der AC kommt zu Chancen. Aber erstens sind es nicht viele und zweitens fehlt der letzte Druck. Eigentlich hat Sampdoria die klareren Chancen. Ein schwaches 0:0.

Und so bestätigt sich, dass San Siro in keinem Fall mit der Scala mithalten kann – gestern ein einziger emotionaler Ritt, heute zwei kurze Momente: das Stadion und die Einwechslung von Zlatan. Die Mischung macht die Tour so unvergesslich. Eine brillante Tour.

2 commenti su “MAILAND – Januar : 2020

  1. Hannelore Alex sagt:

    Sehr beeindruckend, eine spannende Reise, interessante und von Emotionen getragene Darstellung, tolle Aufnahmen.

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