DRESDEN / PRAG – August : 2005

Slavia_alt_1Veränderungen kündigen sich bei Andreas und mir an und so beschließen wir, nach unserem Freitagsspiel in Dresden mit der Bahn nach Prag weiterzureisen. Die Bahnfahrt ist nicht nur schön, führt die meiste Zeit an der Elbe entlang, sondern auch entspannend. Bis dahin haben wir allerdings noch einen recht ereignisreichen Tag bzw. Abend vor uns.

Der beginnt, nachdem wir sensationell von BS nach Dresden gekommen sind und uns gerade noch freuen, vor dem Spiel unsere Klamotten in der Pension lassen zu können, mit einem dumpfen Aufprall auf’s Heck des silbergrauen Oktavia von Andreas. Dumm gelaufen. Zu allem Überfluss reicht dieser Aufprall aus, um uns auf den nächsten Wagen zu schieben. Blechschaden. Verzögerung. Noch mehr Verzögerung durch die Polizei, die zwar benachrichtigt wird, aber auf sich warten lässt, zu sehr beschäftigt sind sie alle hier mit dem Spiel Dynamo Dresden- BTSV. Wir auch und deshalb weisen wir bei einem weiteren Telefonat auf auslaufende Flüssigkeiten von irgendwelchen Autos hin. Dauert dann nicht mehr ganz so lange, bis jemand kommt. Die Flüssigkeiten sind nicht so dramatisch, aber die Protokollaufnahme zieht sich.

Irgendwann ist auch das erledigt. Wir kommen zwar nun nicht mehr so gut an den Kofferraum ran, aber wir können irgendwann weiterfahren. Auf dem Weg zum Stadion hören wir auch von der Eintracht-Führung, die auch noch Bestand hat, als wir zur zweiten Halbzeit ankommen. Leider hält dies nicht bis zum Ende, aber gemessen an unserer zwischenzeitlich jäh unterbrochenen Anreise können wir das für unsere Reisegruppe fast als Erfolg verbuchen. Keine Schäden an Körper und Seele. Der Abend in Dresden wird beendet in einer nur auf den ersten Blick üblen Kaschemme mit überragenden Bierpreisen.

Wie von langer Hand geplant erscheint auf einmal die Idee, am folgenden Tag den Zug zu nehmen. Dahinrollen, dummes Zeug erzählen, sich an den dahingleitenden Sportplätzen oder Stadien erfreuen und gespannt auf Prag sein; geil. Ich für mein Teil bin irgendwann ganz hibbelig, obwohl ich Prag mit Sicherheit die meisten Besuche abgestattet habe von der Reisegruppe. Wahrscheinlich bin ich’s gerade deswegen. Die sich bietende Silhouette hat mich schon beim allererstenmal fasziniert und sie wird mich immer wieder faszinieren. Das georderte Quartier liegt im Stadtteil Vinohrady, wo bisher keiner von uns unterwegs war. Der abgefahrene Ground von Victoria Žižkov liegt diesem Hotel zu Füssen. Herrlich.

Wir können uns schnell darauf einigen, dass wir der Unpässlichkeit, ein ohnehin schon kleines Dreibettzimmer durch eine weitere Aufbettung noch kleiner sehen zu werden, gelassen ins Auge blicken können, zumal der Fehler nicht bei mir lag, sondern beim Hotel. Wir beschließen einfach, den Preisnachlass in Bier umzusetzen. Lange Aufenthalte im Zimmer hatten wir ja eh nicht vor. Der erste Weg führt uns zum Stadion von Viktoria Žižkov, welches wir ungehindert betreten können und dementsprechend auch ablichten können. Natürlich wenig spannend ohne Spiel. Gleichwohl hat dieses Stadion auch ohne Spiel was zu erzählen, was man spätestens sieht, wenn man den Blick schweifen lässt: sensationell die Gegengerade, die sich ohne Puffer an die Rückseite der Häuser schmiegt, zu der auch unser kleines aber feines Hotel gehört. Ich liebe es: ein Stadion, welches eine unübersehbare Symbiose mit dem Viertel, in diesem Falle noch direkter mit den benachbarten Häusern eingegangen ist. Unmittelbarer in einem Wohnviertel kann ein Stadion kaum platziert sein.

Der weitere Plan sieht nicht so sehr die touristischen Highlights vor, denn die kennen wir alle und haben sie – im Falle von Andreas, Nobbi und mir – erst kürzlich gesehen. Wir wandeln auf den Spuren von Hennings Klassenfahrt und begeben uns ins Stadtteil Vršovice. Es ist ja nie schlecht, von einer Stadt nicht nur die vorzeigbaren Viertel zu sehen, sondern auch den grauen Alltag. Und hier haben wir ihn: keine verwinkelten kafkaesken Gassen oder feine alte Steine, sondern schnurgerade Alleen mit Mietskasernen aus den 50er, 60er und 70er Jahren. Dazwischen steht irgendwo ein Rest des alten Stadions Eden von Slavia Prag. Eigentlich sind das nur Zäune, das alte Eingangstor und die alten Kassenhäuschen, aber immerhin. Der nächste Punkt ist ebenfalls der Fußballhistorie gewidmet und führt uns zum Stadion Doliček der Heimat von Bohemians Prag. Die aktuellen Wirren dieses Klubs lassen wir dabei mal unberührt, die interessantere Wirkung von Bohemians auf den Weltfußball dürfte eh vom legendären Antonin Panenka ausgehen. Sohn des Vereins, legendärer Elfmeter im Finale der EM 1976. Das war der nach dem Elfer von Hoeneß. Der ging in den Belgrader Nachthimmel.

Danach gönnen wir uns ein wenig das touristische Prag, aber – wie angemerkt – haben wir das in stiller Übereinkunft nicht als oberstes Ziel unseres Trips ausgegeben. Den Abend beginnen wir in einer für Vinohrady typischen kleinen Kellergaststätte, tschechisch funktional und rustikal ohne jeglichen Schnickschnack. Seinerzeit hatten wir vergeblich den Anlauf genommen, Fußball zu sehen; der Spieltag wurde einfach verlegt. Also muss das am nächsten Tag nachgeholt werden. Vormittags das Spiel AC Sparta Praha B – SK Dynamo České Budejovice. Eine trostlose Veranstaltung vor genauso trostloser Kulisse. Aber das Kreuz bei der Toyota-Arena gemacht. Naja, irgendwie nicht schön, aber aus Sicht von Hobby-Hoppern ganz okay.

Danach bis zum nächsten Spiel viel Zeit und nun widmen wir uns auch der Burg aus der Nähe und aus einer komplett neuen Richtung; ehrlich gesagt wäre es auch sträflich, dieses erhabene Teil völlig zu ignorieren. Ein weiteres Bauwerk der Moderne steht uns mit dem Spartakiadestadion wenig später bevor. Mittlerweile wird es genutzt für die Nachwuchsmannschaften von Sparta Prag und nur der Blick durch den Zaun lässt die Dimensionen nicht richtig begreifen. Dieses Areal bietet die theoretische Möglichkeit, acht Fußballspiele gleichzeitig in einem Stadion austragen zu können. Unfassbar.

Gleich nebenan steht das Stadion Evčena Rošického na Strahove, in welchem sich 2.514 Zuschauer zur Partie SK Slavia Praha – FC Tescoma Zlín eingefunden haben. Wir haben zunächst unseren Spaß an der „Klobasa“. Die tschechischen Wurstspezialität mit ihrer sehr speckhaltigen Konsistenz. Dieses Teil hat was. Es ist sehr gewöhnungsbedürftig allemal, und hat auch im Geschmack noch nicht jeden überzeugt. Was aber bisher jeden überzeugt hat, ist die reflexartig eingenommene vorgebeugte Haltung beim Verzehr dieser Spezialität. Einfach um nicht das heruntertriefende Fett in den nächsten Stunden mit sich herumtragen zu müssen. Das Interessanteste an dem Spiel sind die Slavia-Supporters, die sich in einer doch eher niedlichen zu nennenden Pyro-Aktion die eigene Fahne ankokeln und damit einen beachtlichen Einsatz der vorhandenen Feuerwehrkräfte auslösen. Fortan hängt anstatt „Red-White Power“ nur noch “White Power“ als Banner.

Wir kehren nach dem Spiel in die oben zitierte Kneipe ein und haben Spaß an dem Schauspiel, welches uns die Chefin und ihr muskelbepackter Stecher bieten. Viel war dann auch nicht mehr, außer dass ich wie gewohnt am Montagabend zur Nachtschicht gegangen bin zum Glück aber schon vorher mit der Gewissheit, dass nicht mehr sooo viele folgen sollten.

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