MOLDAU/TRANSNISTRIEN – Mai : 2018

Nun sind wir also wieder Drittligist. Gleichzeitig zu verarbeiten ist die Trennung von Torsten Lieberknecht, unserem Aufstiegstrainer und unserem Trainer, der für Kontinuität, Bodenständigkeit, Emotionalität und Fannähe stand, der die DNA unseres Vereins verstanden hat wie kein anderer aus dem Kubus. Nie wird der Rest des Kubus diesen Verein begreifen. Weil sie es nicht wollen. Verabschiedet nach zehn erfolgreichen, emotionalen Jahren mit einer dürren Pressemitteilung. Marc Arnold, der sportliche Leiter, der nicht nur für den Abstieg der Profimannschaft mitverantwortlich ist, sondern auch für den Abstieg der A-Jugend und B-Jugend, denn das NLZ ist als sportlicher Leiter definitiv in seinem Aufgabenbereich, darf weiterwurschteln, das verstehe wer will. Mein Verein Eintracht Braunschweig gibt zur Zeit ein erbärmliches Bild ab, was mir sehr sehr weh tut. Zeit für andere Gedanken also. Moldau und Transnistrien bieten sich an.

Und so komme ich am frühen Nachmittag in Chişinău an. Das Hotel Chisinau ist so dermaßen oldscool sowjetisch, es ist eine helle Freude. Der riesige Eingangsbereich, im Vergleich dazu eine winzige Rezeption, herrlich. Rezeptionistin sowjetisch kühl und streng. Als sie erklärt, dass der Wasserhahn vorm Duschen erst mal zehn Minuten laufen muss, bevor warmes Wasser da ist, höre ich wohl für einen Moment nicht konzentriert genug zu. Mit dem das-wiederhole-ich-aber-zum-letzten-Mal-Blick wiederholt sie es ein letztes Mal. Nächstes Thema Frühstück. 8.00 – 10.00 Uhr. Kurz setze ich zu einer Frage an, denn ich habe am nächsten Tag bissel früher Programm. Der strenge Blick ist Antwort genug. Gute alte Sowjetschule. Also wähle ich am nächsten Morgen ein Menü aus den drei Menükarten, Buffet ist nicht vorgesehen. Passt dann alles und warmes Wasser war auch gleich da.

Und dann sitzt in dieser Empfangshalle noch einer rum, der nix sagt, mich auffallend gelangweilt anschaut und irritiert schaut, als ich ihn auf dem Weg ins Zimmer freundlich grüße. Also keine Ahnung, was sein Auftrag war, aber dass der da aus Langeweile sitzt, kann ich mir nur schwer vorstellen.

Eigentlich aber auch egal, denn mittlerweile bin ich im Zimmer, auch das wie der Empfangsbereich großzügig geschnitten und – wie auch der Flur – sowjetischen Traditionen verhaftet. Naja, Platzprobleme sind im Sowjetreich ja nie das Thema gewesen. Zusätzlich stellt sich für mich die Frage, für wen sollte man das Hotel westlichen Standards anpassen sollen? Für die ganzen Touristen, die hier nicht herkommen?

Im Flieger von Wien nach Chişinău hab ich jetzt keinen Touristen gesehen, zumindest keinen als solchen erkennbaren. Sollte es an anderen Tagen anders sein? Mag sein, aber dazu gehört einige Phantasie.

Chişinău hat die typischen breiten Straßen, mindestens vierspurig, viel Platte und viele Parks, irgendwie bekannt von verschiedenen anderen Sowjetstädten. Aber da habe ich auch nicht so viel erwartet, die vorherige Recherche ergab recht wenig und auffallend oft in den Top 10 dieses pyramidenähnliche Gebilde an der Einfallsstraße vom Flughafen aus. Krasses Teil, aber wenn das schon herhalten muss als Sehenswürdigkeit.

Man kann es auch so formulieren: Chişinău fordert heraus, man muss sich einlassen auf die Stadt, der erste Blick reicht nicht, es braucht den zweiten oder dritten. Die Stadt ist halt 1940 bei einem Erdbeben zu 70 % zerstört worden, den Rest erledigten übrige Kriegshandlungen. Das Wiederaufbauprogramm ist dann Stalinistischer Zuckerbäckerstil, gemischt mit Chruschtschowscher Zweckmäßigkeit. Die einen sagen Brutalismus, die anderen sehen nur Platte und wiederum andere schauen, was dazwischen so rumsteht und wie der Lebensfluss hier so ist.

Bissel zu entdecken gibt es ja schon, viel ist es in allerdings nicht. Die Highlights sind schnell abgelaufen: das hübsche Kloster Teodor Tiron Ciuflea, paar nette Straßenzüge, die Kathedrale, der Triumphbogen. Schöner Gegensatz hier: während Triumphbogen und Kathedrale historisch daherkommen, ist der Regierungspalast gegenüber feinste sowjetische Regierungsarchitektur.

Aber es gibt ja eben noch diese breiten Straßen, Alleen gleich, die sind ja ein beständiges Faszinosum für mich. Hier wurden sie übrigens gar nicht von Stalin & Co. angelegt, die sind hier deutlich älter. Aber das nur am Rande. Mindestens vierspurig, meist sechsspurig, manchmal gar achtspurig, paar Trolleybusse drauf, unzählige Taxis, der Rest findet sich, fertig. Es lebe die Weite, es lebe der Platz, es lebe die Allee. Es gibt Momente, da ist kein Auto auf keiner Spur, in diesen Momenten kommen mir diese immerbefahrenen Alleen ganz eigen vor, seltsam fremd so ohne Autos und gleichzeitig sehr nahe, so als ob dieser eine ruhige Moment nur für uns – die Allee und mich – geschaffen sei.

Einen Tag später geht’s nach Tiraspol. Die Gegend insgesamt ist eher ländlich hügelig geprägt. Ruhige Landschaft, nix aufregendes. Muss ja auch nicht, ist ja v.a. ein Städtetrip. Mit Spannung erwarte ich die Grenze, aber entgegen einiger reißerischer Geschichten ist es hier völlig unaufgeregt. Kleines Zettelchen bekomme ich, das will ich aber lieber nicht verlieren. Nicht mal einen Stempel gibt es, da hätte ich ja drauf gewettet – und eigentlich auch drauf gewartet. Dann hoffentlich bei der Ausreise. Wachposten ja, aber keine grimmig dreinschauenden. Schon gar nicht mit MPi im Anschlag.

Aber warum sind die da? Ein kurzer Blick in die Geschichte, ohne den geht’s hier nicht, meine ich jedenfalls. Man achte neben dem hin und her auch auf die grandiosen Ländernamen.

Westlich des Dnjestr soll 1917 im Zuge der Gründung des Sowjetreiches die Moldauische Demokratische Republik als Teilstaat entstehen, da haben aber die Bevölkerung und auch Rumänien etwas dagegen. Rumänien besetzt das Gebiet kurzerhand und schafft damit Fakten, allerdings auf historischer Grundlage. Gefällt der Sowjetunion jetzt nicht so, aber was will man machen, man hat ja noch das Gebiet östlich des Dnjestr.

Denn östlich des Dnjestr nimmt die Entwicklung einen anderen Weg. Als Gegenpol zu dem nun unter rumänischem Einfluss stehenden Teilstaat wird 1924 die Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (MASSR) als Teil der Ukrainischen Unionsrepublik gegründet, ab 1929 ist das 1792 von einem russischen Feldherrn gegründete Tiraspol die Hauptstadt und damit nun wieder näher bei Russland.

1941 dann allerdings von Rumänien – damals mit Deutschland verbündet – besetzt und damit stehen nun die Gebiete links und rechts des Dnjestr unter rumänischem Einfluss. 1944 wird Transnistrien von russischen Truppen zurückerobert und in Folge Teil der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (MSSR). Soviel dazu. Geht auch ausführlicher, aber is ja kein Geschichte-LK hier. Wichtig ist’s dennoch, einfach zur Einordnung des aktuellen Konflikts und um zu verstehen, warum Transnistrien so tickt wie es tickt.

Damit hat sich für Stalin das Warten auf die Gelegenheit, das Gebiet westlich des Dnjestr vielleicht doch noch Rumänien wegzuschnappen, gelohnt. Der 2. Weltkrieg wirbelt hier einiges durcheinander und 1947 kann sich Stalin das Gebiet endlich einverleiben. Genannt wird das Gebilde Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MSSR) und umfasst im groben das Gebiet der heutigen Republik Moldau und der heutigen Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika (PMR), so der offizielle Name Transnistriens.

Und eigentlich sind damit zwei gegensätzliche Partner in einer Teilrepublik der UdSSR vereint. Die einen, westlich des Dnjestr, fühlen sich als Rumänen, die anderen, östlich des Dnjestr, als Russen.

1990 dann bricht der Konflikt offen aus. Das Sowjetreich implodiert bekanntermaßen und beschert uns Länder und Reiseziele, von denen man vorher nicht ansatzweise gehört hat. Aus der MSSR wird die Republik Moldau, mit Moskau will man nix mehr zu tun haben, die Amtssprache wird Rumänisch. In Transnistrien sieht man das natürlich anders, man widersetzt sich den Anweisungen aus Chişinău und gründet die Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika (PMR). 1992 die nächste Eskalationsstufe, der Konflikt hat sich entsprechend hochgeschaukelt, die bewaffnete Auseinandersetzung folgt. Die heftigsten Kämpfe werden im direkt an der Grenze liegenden Bender ausgetragen. Vom 1. März bis zum 25. Juli 1992 dauern die Kämpfe, 600 Menschen – vor allem aus Bender – sterben. Beendet werden sie mit Unterstützung Russlands, namentlich der 14. Armee unter General Lebed. Seitdem Stillstand.

Zumindest ist der Transnistrisch-Moldawische Konflikt aktuell eingefroren. Wie so viele Konflikte in irgendwelchen ehemaligen Sattelitenstaaten, aber das Psychogramm eines zerbrochenen Weltreiches lass ich hier mal weg, das ist Thema für mindestens eine Doktorarbeit.

Krass ist es allemal. Auf der Landkarte stellt sich das so dar:

  • Moldau mit gerade mal 34.000 km2 bei 3,5 Mio Einwohnern,
  • daneben Rumänien mit knapp 240.000 km2 und knapp 20 Mio Einwohnern und die
  • Ukraine mit 600.000 km2 und knapp 43 Mio Einwohnern.
  • Und dann ist da eben noch Transnistrien (PMR) mit 3.500 km2 und 475.000 Einwohnern (in etwa Duisburg) und mit einer Breite von manchmal kaum zehn Kilometern, das ist 1 x Lehndorf – Wenden.

Real ist Rußland recht fern und die PMR total winzig. Real ist aber auch, dass man sich militärisch zu wehren weiß – mit Unterstützung von Rußland. Transnistrien hat die potente Industrie, vor allem Schwerindustrie – Moldau die Landwirtschaft. Leben können wohl beide damit. Wer hält also den Konflikt am Leben? Die Industrie inkl. des Sheriff-Konzerns? Rußland? Moldau und Europa? Jeder hat inkl. der Verbündeten so seine Interessen. Die geostrategische Lage ist ja nicht zu übersehen.

  • Die Industrie will Pfründe sichern, bekanntes Prinzip. Sheriff gehört so ziemlich alles in Transnistrien, was mit Geld verbunden ist: Tankstellen, Supermärkte, ein Fernsehsender, ein Verlagshaus, die Schnapsbrennerei Kvint, Großbäckereien, Sheriff Tiraspol. Fremde Einflüsse brauch man da nicht zwingend.
    Den Namen hat der Konzern übrigens von seinem Oligarchen, der war mal Polizist und hörte auf den Spitznamen „Sheriff“. Aber auch das nur am Rande.
  • Rußland kann mit einem Land, welches nicht beiträgt zur Stabilisierung Moldaus und direkt an die Ukraine grenzt, sehr gut leben.
  • Europa hat mit dem rumänienfreundlichen Moldau ein Bein in der Tür.

Und dann hat ja auch das Volk seinen Willen, hat dementsprechend 2006 auch ein Referendum angestrengt. 97 % der Transnistrier stimmen für den Anschluss an Russland.

Kein Land der Welt hat die PMR bisher anerkannt, nicht mal Rußland und es steht auch nicht zu erwarten. Eine Republik mit eigener Währung, eigenem Parlament, eigener Verwaltung. International ist damit nix anzufangen, strategisch ist die PMR aber eben immens wichtig. Zusätzlich stabilisieren die stolzen Transnistrier diesen Status quo. Es ist ein De-Facto-Regime, ein nicht anerkannter Staat.

Ich bin also gespannt auf Bender und Tiraspol. Und während in Bender Denkmäler stehen, die sich mit dem 92er-Konflikt auseinandersetzen, ist in Tiraspol an vielen Ecken schlicht die Zeit in der Sowjetzeit stehen geblieben. Irgendwo bei 1989/90. Die Stadt ist noch ganz klar bei den Symbolen des Sozialismus. Während in Moskau auch mal darüber diskutiert wird, ob es nicht an der Zeit sei, Lenin an die Kremlmauer umzubetten und das Mausoleum zu schließen oder gar abzureißen erfreut sich Lenin hier größter Beliebtheit: seine Statue vor dem Regierungsgebäude steht genauso wie die Büste vor dem ehemaligen Ratsgebäude. Dazu gibt es gleich zwei Leninstraßen in der Stadt. Marxstraße, Liebknechtstraße, Luxemburgstraße dazu – das Programm ist klar. Und Transnistrien wirbt mit dem sozialistischen Erbe, sieht sich als Teil Russlands – wahrscheinlich eher der UdSSR, siehe Referendum. Allerdings sieht Moskau offensichtlich keinen Grund, den Status quo zu ändern. Man darf gespannt sein, wie es hier weitergeht.

Abends habe ich dann alle Ecken mindestens zwei Mal gesehen, ein drittes Mal dann eben illuminiert. Tiraspol ist mit 140.000 Einwohnern etwa so groß wie Paderborn. Lenin und Selinski sind interessanterweise nicht illuminiert. Selinski ist Chemiker und Miterfinder der Gasmaske. Jetzt trägt eine Schule seinen Namen. Muss man auch erst mal drauf kommen.

Und nachdem ja das Spiel von Zimbru in Chişinău einen Tag vorverlegt wurde und Sheriff auswärts ranmusste, ist dann Zeit für FC Dinamo-Auto Tiraspol vs. Sfintul Gheorghe Suruceni in der Divizia Nationala. 20 min vor Anpfiff ein Gewitter vom Feinsten, kurz komme ich ins Zweifeln, doch der Stadionchef versichert mir, dass gespielt wird. Ticket hat er trotzdem nicht, gibt’s hier nicht. 0:0 vor 50 Zuschauern in dem kleinen, zweckmäßigen Stadionul Dinamo-Auto mit ein bissel Patina.

Später auf dem Hotelzimmer nehme ich noch ein Bier als Absacker, mache den Fernseher an und was läuft? Die Eröffnung der 19-Kilometer-Brücke von Russland zur Krim von vor paar Tagen, natürlich generalstabsmäßig inszeniert mit Putin am Steuer eines LKWs und so. Während ich in Tiraspol, „dem letzten Rest der Sowjetunion“ bin, das kann kein Zufall sein.

So kann ich am nächsten Tag noch zu Aquatir, einer Stör- und Beluga-Farm. Die natürlichen Bestände an Stör und Beluga sind weltweit drastisch zurückgegangen, sie sind am Aussterben, der Bedarf an Kaviar aber steigt weiter. Also versucht man es mit solchen Zuchtfarmen, was extrem teuer ist, so ein Beluga erreicht erst nach 10, 12 Jahren seine Geschlechtsreife, fängt also erst nach frühestens zehn Jahren an, Rogen – also Kaviar – zu produzieren. Der Stör zwar bissel früher, aber paar Jahre sind es auch. Und den Kaviar, produzieren sie auch nicht rund um die Uhr und auch nicht jährlich und nicht ihr ganzes Leben lang. Sind halt keine Maschinen, auch wenn für die Fische in so einer Farm optimale Bedingungen geschaffen werden. Und weil die Technologie so aufwändig ist, gibt es weltweit nur fünf solcher Farmen.

Tiraspol habe ich gesehen, also Rückfahrt. Auch bei der Rückfahrt passiert an der Grenze nicht viel, kurzer Blick in den Ausweis, das war‘s. Auch bei der Ausreise gibt es keinen Stempel. Aber natürlich lässt sich eine reißerische Geschichte von böse dreinblickenden Grenzern besser verkaufen.

Das Aufregendste ist da schon der Buswechsel in Bender. Der unter Transnistrischen Flagge will oder darf nicht über die Grenze – also alle umsteigen in einen unter Moldawischer Flagge. Eine Stunde später bin ich wieder in Chişinău und tags drauf ist dieser spannende Kurztrip auch schon wieder vorbei.

Vor dem Abflug findet sich an dieser TU 134 noch ein nettes Plätzchen für ein Abschlußbier. Ende der 60er ist die Tupolew TU 134 eine der ersten Maschinen, die den ernstzunehmenden Linienflugbetrieb von und nach Chişinău eröffnen. Netter Platz hier, einfach sitzen und genießen, es ist immer Bewegung, die Autos kommen am Flughafen an oder fahren weg und dann tauchen ein paar Grünpfleger auf, die den Rasen hier schön oldschool mit der Sense mähen.

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