Belgien – 27. – 31. Dezember 2025

Belgien, insbesondere mit Brügge, ist ja immer wieder reizvoll und so geht’s mit der Ma zwischen den Tagen nach Brügge, Gent und Brüssel.

Einen Tag nach dem Weihnachtsessen fahren wir los. Bissel Strecke ist es bis Gent, aber nach Weihnachten ist das alles problemfrei, wir kommen bestens durch, checken ein in unserem kleinen Apt mitten in der Stadt und haben als erstes Highlight den Weihnachtsmarkt rund um den Belfried keine drei Minuten entfernt. Beste Lage. Den Weihnachtsmarkt meiden wir dann aber recht fix, einfach nur voll und voller Gedränge und essen wollten wir eh nicht an einem der Stände. Wir finden ein kleines Lokal am Vrijdagmarkt, als Absacker sozusagen nehmen wir ein Kirschbier, das darf ja denn doch nicht fehlen in Belgien. Ich stelle wieder mal fest, warum ich das noch nie so recht mochte, es schmeckt mir einfach nicht. Obwohl ich diverse Craft-Biere mit unterschiedlichen Geschmacksnoten durchaus gern probiere. Nun denn, es ist Geschmackssache. Btw: ich freue mich schon auf das Mango-IPA auf der Norröna:-)

Dezember-Himmel ist oft genug auch bedeckter Himmel, wir schauen, wie es die nächsten Tage so aussieht über Brügge, Gent und Brüssel. Und entscheiden uns als erstes für Brügge. Richtige Entscheidung. Eine pittoreske alte Hansestadt, sehr viele Elemente der Hanse-Gotik, es macht immer wieder Spaß hier. In der Regel zentraler erster Punkt ist der Belfried. Faszinierendes Teil, immer wieder. Vom Grote Markt direkt am Belfried gehts so bissel kreuz und quer, der Himmel reißt mehr und mehr auf und so stehen wir vor der Heilig-Blut-Basilika um die Mittagszeit. Nach längerer Zeit des Anstehens gehts rein.

Skurrile Situation oder vielleicht auch nicht, ich bin ja nicht so vertraut mit so religiösem Gedöns. Erst kommen ne Menge Leute raus, dann geht ne Menge rein. Mindestens die Leute, die reingehen haben da so sichtbar wenig religiösen Anspruch, die Basilika ist denn auch binnen kürzester Zeit auch gerammelt voll, so voll, dass es uns dann auch unangenehm wird und wir uns trollen. Wir sind keineswegs religiös, das ist überhaupt nicht das Thema, aber ein Gefühl für die Würde eines heiligen Ortes haben wir denn doch.

Im Jahre 1149 befand sich der Ritter Graf Dietrich von Elsass im Heiligen Land und fand dort nach eigenen Angaben ein kleines Gefäß, in dem sich der Legende nach einige Tropfen des Bluts von Jesus Christus befanden. Er brachte die Reliquie mit nach Brügge und ließ dort zum Andenken an die Kreuzigung Jesu die Heilig Blut Kirche bauen, die später zur Basilika erhoben wurde. Die Basilika ist eine sogenannte Doppelkirche. Der ältere Teil wurde als romanische Kapelle errichtet, die dem heiligen Blasius geweiht wurde, im Mittelalter kam der obere Teil dazu, der im gotischen Stil gebaut wurde. Heute sind beide Kirchen durch eine steile Wendeltreppe miteinander verbunden.

Bis heute wird das kleine Gefäß mit den Blutstropfen in der St. Blasius Kapelle aufbewahrt und es wird jeden Freitag im Rahmen einer Messe den Gläubigen gezeigt. Einmal im Jahr verlässt die Reliquie aber die Kirche und wird in einer feierlichen Prozession durch die Stadt getragen. Quelle

Anschließend laufen wir weiter, eine unfassbar leckere Waffel am Rozenhoedkaai und vor allem anschließend das unbeschreibliche Panorama – nun bei bestem Winter-Foto-Wetter. Für eine Kanalrundfahrt ist es deutlich zu kalt, lieber laufen wir noch ein bisschen entlang des Kanals und der Brücken. An Brücken ist ja eh im kanaldurchzogenen Brügge kein Mangel, herausragend ist u.a. die Bonifaciusbrug. Mit dem Begijnhof haben wir dann das Ziel des intensiven Gangs durch Brügge erreicht, entlang der Liebfrauenkirche gehts zurück zum Auto und wieder nach Gent.

Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert entsteht die Beginenbewegung. Frauen schließen sich zusammen, um ihre spirituellen und materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Zum Entsetzen der Kirche, denn die Beginen führen ein frommes und zölibatäres Leben, aber eben auch ein unabhängigeres und freieres Leben als die Nonnen. Papst Clemens V. erklärt die Beginen 1311 sogar zu Häretikerinnen, also zu Personen, die bewußt von Glaubenslehren der Kirche abweichen, dennoch verbreiteten sich die Beginen in Europa, vor allem aber in Flandern. Mehr zu den Beginen bei visitbruges.

Das Essen in Gent stellt sich dann als absoluter Glücksfall heraus. Wir finden einen Platz in der Artevelde-Brauerei, bestellen uns ein paar Pröbchen der verschiedenen leckeren Biere und vor allem das leckere Essen. Nicht billig, aber es ist ja Urlaub. Scheint sich dann auch das Restaurant zu denken und präsentiert uns eine Rechnung über 36 €, einem Drittel des Preises. Nun denn, wir nehmen es als nachträgliches Weihnachtsgeschenk.

Gestern durchaus Sonne in Brügge, heute bedeckter Himmel in Gent. Schade, aber immerhin regnet es nicht. So laufen wir zunächst zum Belfried. Ein paar Stufen sind es rauf, aber der Blick lohnt sich definitiv. Zur einen Seite die Sint-Niklaaskerk zur anderen Seite die Sint-Baafskathedraal.

Über Korenlei und Graslei und Grasbrug kommen wir zur Grafenburg, leider heut nicht mehr hinein, die Tickets für den Tag sind ausverkauft. Aber das wäre letztlich eh nice to have gewesen, das absolute Highlight der Stadt wartet noch auf uns: der Genter Altar. Ein wenig Anstehen in der Sint-Baafskathedraal, dann gibt’s eine richtig gute AR-Einführung und natürlich den 2021 restaurierten Genter Altar als emotionalen Höhepunkt. Die Geschichte des Genter Altars hat unfassbar viele Facetten:

Seit dem 25. März 2021 hat eines der spannendsten und geheimnisvollsten Kunstwerke der Welt ein neues Zuhause. Bis in die Sakramentskapelle der Genter St.-Baafs-Kathedrale hat der Genter Altar der Brüder van Eyck eine lange Reise zurückgelegt. (…)

1432 vollendete Jan van Eyck sein Meisterwerk und der Altar fand seinen Platz in der Kathedrale von Gent. Ursprünglich ging der Auftrag für die Altargemälde an Hubert van Eyck, der aber verstarb vor dessen Vollendung und der jüngere Bruder Jan übernahm die monumentale Aufgabe.

Damit könnte die Geschichte eigentlich schon enden. Bevor der Altar aber endgültig an dem Platz zur Ruhe kommen konnte, für den er einmal erschaffen wurde, stand ihm noch einiges bevor. Er wurde gestohlen, verkauft, versteckt, verschleppt, zurückgeholt und mehrere Male beinahe zerstört: Während der Französischen Revolution verschleppten Soldaten den Mittelteil des Altars nach Paris, 1821 kaufte der preußische König die Seitentafeln von einem englischen Sammler für die künftige Gemäldegalerie in Berlin, und im Zweiten Weltkrieg konfiszierten die Nationalsozialisten das Meisterwerk neben vielen anderen für das geplante Führermuseum. Immer kehrte das Lamm Gottes zurück nach Gent, war aber auch hier von Bilderstürmern, Dieben und Bränden bedroht. Und von übereifrigen Restauratoren, die den Altar Schicht um Schicht mit Übermalungen und Firnis beinahe unkenntlich machten. (..)

Am 25. März 2021 soll die Reise des Lamm-Gottes-Altars nun ein Ende haben. Die hoffentlich letzte Station seiner bewegten Geschichte waren die Restaurationswerkstätten des Königlichen Instituts für das Kunstpatrimonium, wo zwischen 2012 und 2019 im Zuge umfangreicher Restaurationen Übermalungen und Firnisschichten abgetragen wurden, um das Kunstwerk in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Die spektakulären Resultate der Restaurierung, aber auch das neu erbaute Besucherzentrum in der St.-Baafs-Kathedrale ermöglichen Besuchern einen völlig neuen Zugang zum Werk der Brüder van Eyck. Mit einer Augmented Reality-Brille wandelt man durch die neu gestaltete Krypta, durch die verschiedenen Kapellen und vorbei an den sakralen Schätzen der Kathedrale um schlussendlich vor der beeindruckenden, eigens für diesen Zweck konzipierten Vitrine zu stehen. Gent hat einem der größten Meistwerke der Renaissance endlich ein würdiges Zuhause gegeben! Quelle

Später, als wir auf der Suche nach einem Wein für den Abend sind, finden wir einen Supermarkt auf dem Wege, den wir kurzentschlossen für geeignet halten. Und der hat nicht nur diverse Weine, sondern auch den guten Ísey Skyr, es ist ein Traum und selbstverständlich ist klar, dass ich mich vor Abfahrt entsprechend versorge.

Das Essen heut ist anders spektakulär, es ist nicht ganz so einfach, einen Platz zu bekommen in einem Restaurant hier ohne Vorab-Reservierung. So landen wir im Irish Pub. Mit Live-Übertragung der Darts-WM. Gian van Veen spielt im Sechzehntelfinale und es sind einige Holländer im Pub, es wird also emotional und laut, insbesondere als es auf die finalen Legs zugeht. Coole Atmosphäre.

Für Brüssel haben wir das Programm etwas umgestellt, eigentlich wäre es noch einmal zurück nach Gent für eine Nacht, wir beschließen vor dem Hintergrund der nahenden Silvesternacht, nach dem Brüssel-Besuch direkt durchzufahren, die Nacht fahrend auf der Autobahn werden wir schon überstehen.

Es geht also nach Check-Out auf nach Brüssel, erstes Ziel das Atomium. Das Wetter ist grandios, Sonne satt, das Atomium glänzt mit unserer Stimmung und der Sonne um die Wette.

Eines der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Gebäude der Welt: Ein unglaublich kleines Teilchen (nämlich ein Atom) wurde in Brüssel als großes Haus zum Betreten und entdecken gebaut: Das Atomium. Das Wahrzeichen Brüssels entstand 1958 zur Weltausstellung.

Eine Elementarzelle einer Eisen-Kristallstruktur wurde 165-milliardenfach vergrößert: Das Ergebnis ist das Atomium. Es war ein Symbol für die friedliche Nutzung der Kernenergie und für den optimistischen Geist der einer Zeit in welcher der Glauben an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt groß war.

Das Atomium ist 102 Meter hoch, die 12 Kanten enden an 9 Kugeln von je 18 Meter Durchmesser. Ursprünglich war geplant, etwas höher zu bauen, doch aus Gründen der Flugsicherheit verkleinerte man das Gebäude um 24%.

Verbunden sind die Kugeln durch 23 Meter lange Röhren. Alles ist hier groß genug, in den Röhren befinden sich Rolltreppen, im mittleren Rohr ein Aufzug, der die Besucher direkt in die obere Kugel bringt. Zur Eröffnung war er mit einer Geschwindigkeit von 5 m/s der schnellste Aufzug der Welt. (…)

Nachdem es in den 1990ern schon sichtlich in die Jahre gekommen war, wurde das Atomium von 2004 bis 2007 renoviert. Es bekam anstelle der alten Aluminiumhülle eine neue rostfreie Edelstahl-Haut, außerdem wurden LED-Leuchten angebracht, die es nachts beleuchten. 2006 brachte Belgien zur Wiedereröffnung seines nationalen Symbols eine 2-EUR-Münze heraus. Quelle

Anschließend weiter in die City, das zentrale Ziel ist der Grote Markt. Groß, edel und gülden kommt er daher. Anschließend auf dem Weg zu Manneken Pis die verzweifelte Suche nach Schokolade. Richtig ist, dass belgische Schokolade einen hervorragenden Ruf hat, nicht richtig hingegen ist, dass jede belgische Schokolade damit automatisch richtig gut schmeckt. Und so suchen wir ein Weilchen bis wir was gefunden haben.

Wir widmen uns der Moderne, allen voran das Palais des Beaux-Arts de Bruxelles (BOZAR) unweit des Königspalastes. Victor Horta hat es geplant, zwischen 1922 und 1929 wird es im Jugendstil erbaut, das Gebäude hat mehrere Konzert- und Kinosäle sowie Ausstellungsräume. Hier findet sich alles, was zu einem guten Kulturleben benötigt wird: Ausstellungen, Musik, Film, Tanz, Theater, Literatur. Nach der hektischen City verweilen wir hier auf eine heiße Schokolade.

Das Musikinstrumentenmuseum ist als Gebäude total schick, für das Museum fehlt i-wie bissel die Zeit, es geht weiter zum Hôtel van Eetvelde und vor allem zur Maison Saint-Cyr. Leider in der Winterzeit mit eingeschränkten Öffnungszeiten, Brüssel will offenbar noch einmal besucht werden.

Die Sonne verliert langsam an Höhe, ein abschließendes Highlight soll es aber noch sein: die Villa Empain.

Die Architektur ist bemerkenswert, die verarbeiteten Materialien außergewöhnlich. Art déco: poliertes Baveno-Granit als Fassadenverkleidung, Messing-Schutzleisten mit Blattgold belegt, Marmor und Tropenhölzer, Walnuss, Walnuss-Wurzelhölzer, Eichenhölzer in Böden und Vertäfelungen. Und dann trifft Art dèco das Bauhaus: handwerklich vollendet verarbeitete Details kombinieren sich mit klaren, einfachen Linien, symmetrischen Rastern, kaum überflüssigen Details. Unfassbar spannend.

Die Geschichte ist alles andere als geradlinig: Von 1930 bis 1935 von Michel Polak im Auftrag von Baron Louis Empain, Sohn von Édouard Louis Joseph Empain, errichtet.

Das Gebäude war zunächst als Wohnhaus geplant, der Bauherr stellte aber schnell fest, dass er ein Kunstwerk erschaffen hatte, das sich nicht zum Wohnen eignete. Es ist umstritten, ob er je wirklich im Gebäude gelebt hatte, vermutet wird eine Nutzung für etwa ein Jahr, anschließend zog Empain nach Kanada. Deshalb schenkte Louis Empain die Villa 1937 dem belgischen Staat mit der Auflage, dass es nur als Museum genutzt werden dürfe.

Im November 1943 wurde es von der Wehrmacht als Sitz des Ortskommandanten für die deutsche Besatzung Belgiens beschlagnahmt. Nach dem Krieg übergab Paul-Henri Spaak 1947 aus nicht mehr aufzuklärenden Gründen ohne Rücksicht auf die Schenkungsbedingungen die Villa an die Sowjetunion, damit sie darin ihre Botschaft einrichtete.

Diese Entscheidung wurde von der Familie Empain unter Berufung auf die Zweckbestimmung als Museum von 1937 über Jahre angefochten, so dass die Sowjetunion 1964 ausziehen musste und die Villa an Louis Empain zurückgegeben wurde. Der nutzte sie wieder als Ausstellungsort, bevor er sie 1973 an Harry Tcherkezian verkaufte, einen armenischen Geschäftsmann mit Sitz in den USA. Dieser vermietete das Haus. Von 1980 bis 1993 war der Sender RTL Mieter.

Anschließend verfiel die Villa und wurde Opfer von Vandalismus. 2001 wurde sie auf die Liste des schützenswerten Brüsseler baulichen Erbes gesetzt und 2006 durch die Fondation Boghossian gekauft. Von 2007 bis 2011 wurde die Villa mit einem Aufwand von über 5 Mio. Euro restauriert, wofür die Fondation 2011 einen Europa-Nostra-Preis erhielt. Seit 2007 steht die Villa unter Denkmalschutz. Sie ist Sitz der international tätigen Fondation Boghossian und wird zudem für Ausstellungen genutzt. Quelle

Ein grandioser Abschluss, so lässt sich entspannt nach Magdeburg zurückfahren:-)

Links zum Art Nouveau in Brüssel: Link ILink IILink IIILink IV

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.